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Autismus

Autismus (v. gr. αὐτός „selbst“), von der Weltgesundheitsorganisation als eine tiefgreifende Entwicklungsstörung
klassifiziert, wird von Ärzten, Forschern, Angehörigen und Autisten selbst als eine angeborene, unheilbare
Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon im frühen Kindesalter
bemerkbar macht. Andere Forscher[1] und Autisten beschreiben Autismus als angeborenen abweichenden
Informationsverarbeitungsmodus, der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie durch
stereotype Verhaltensweisen und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz zeigt.

In den aktuellen Diagnosekriterien wird zwischen Frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und dem
Asperger-Syndrom unterschieden, das sich oftmals erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Viele Ärzte
vermuten jedoch mittlerweile ein Autismusspektrum (Autismusspektrums-Störung), das verschiedene Schweregrade
kennt.

Symptome und Beschwerden
 
Ein kleiner autistischer Junge und die exakte Linie von Spielsachen, die er aneinander reihteDie Symptome und die
individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen an der Grenze
zur Unauffälligkeit (etwa als „Schüchternheit“ verkannt) bis zur schweren geistigen Behinderung reichen.

Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit
anderen Menschen zu sprechen (etwa wegen eintöniger Prosodie), Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und
Körpersprache einzusetzen und zu verstehen.

Kernsymptomatik bei autistischen Behinderungen ist vorrangig die Schwierigkeit, mit anderen Menschen zu
kommunizieren (1. und 2. Diagnosekriterium). Alternativ werden stereotype oder ritualisierende Verhaltensweisen (3.
Diagnosekriterium) bei allen autistischen Behinderungen als Kernsymptomatik erforscht. Autistische Menschen zeigen
grundlegende Unterschiede gegenüber nicht-autistischen Menschen in der Verarbeitung von Sinneseindrücken und in
der Art ihrer Wahrnehmungs- und Intelligenzleistungen. Auch die unterschiedliche Wahrnehmung wird als eine
Kernsymptomatik des Autismus erforscht.

Das Ausmaß und die Auswirkungen dieser Probleme sowie die spezielle Form, in der sie sich zeigen, sind sehr
unterschiedlich und werden weiter unten beschrieben.

Inselbegabung
Hauptartikel: Inselbegabung


Die Interessen von Autisten sind meist auf bestimmte Gebiete begrenzt, jedoch besitzen manche von ihnen auf dem
Gebiet ihres besonderen Interesses außergewöhnliche Fähigkeiten, zum Beispiel im Kopfrechnen, Zeichnen, in der Musik
oder in der Merkfähigkeit. Man spricht dann von einer „Inselbegabung“; diejenigen, die sie haben, nennt man Savants.
50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten. Sie können sich eventuell nicht alleine anziehen, können aber
komplette Telefonbücher sowie Lexika auswendig lernen, wie zum Beispiel Kim Peek, seit dem Film „Rain Man“ der
bekannteste unter den Savants (jedoch kein Autist).

Historisches
Begriffsbildung

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff Autismus 1911. Er sah in ihm ein Grundsymptom der
Schizophrenie – die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt des an ihr Erkrankten. Sigmund Freud übernahm die
 Begriffe „Autismus“ und „autistisch“ von Bleuler und setzte sie annähernd mit „Narzissmus“ bzw. „narzisstisch“ gleich –
als Gegensatz zu „sozial“.

Leo Kanner (Lit.: Kanner 1943) und Hans Asperger (Lit.: Asperger 1938) nahmen den Begriff – unabhängig voneinander
auf und beschrieben ein Störungsbild eigener Art. Sie unterschieden dabei Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in
ihr Inneres zurückziehen, von jenen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Das
erweiterte die Bedeutung des Begriffs „Autismus“.

Kanner fasste den Begriff „Autismus“ eng, was im Wesentlichen dem heute so genannten frühkindlichen Autismus
(daher: Kanner-Syndrom) entsprach. Seine Sichtweise erlangte internationale Anerkennung und wurde zur Grundlage
der weiteren Autismusforschung. Die Veröffentlichungen Aspergers hingegen beschrieben „Autismus“ etwas anders und
wurden zunächst international kaum rezipiert. Dies lag zum einen am zeitgleich stattfindenden Zweiten Weltkrieg, zum
anderen daran, dass Asperger auf Deutsch publizierte und man seine Texte jahrzehntelang nicht ins Englische
übersetzte. Hans Asperger selbst nannte das von ihm beschriebene Syndrom „Autistische Psychopathie“. Die englische
Psychologin Lorna Wing (Lit.: Wing 1981) führte sie in den 1980er Jahren fort und die Bezeichnung Asperger-Syndrom
ein. Erst in den 1990er Jahren erlangten die Forschungen Aspergers internationale Bekanntheit in Fachkreisen.

Kulturvergleich
Es gab zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Vorstellungen über die Entstehung von Autismus. Im zaristischen
Russland etwa glaubte man, dass autistische Kinder als besonders religiöse Menschen zur Welt gekommen seien und
sich freiwillig für ein Leben jenseits aller Konventionen entschieden hätten. Aus überlieferten Berichten weiß man, dass
Autisten in Lumpen durch den russischen Winter liefen, ohne sich vor der Kälte zu schützen. Sie sprachen selten, ihr
Verhalten erschien merkwürdig und sie missachteten Gesetz, Ordnung und soziale Regeln. Man nannte sie deshalb
„heilige Narren“ und glaubte, ihr Verhalten sei eine Verschlüsselung göttlicher Botschaften.

Formen von Autismus
Im deutschsprachigen Raum sind drei Diagnosearten des Autismus gebräuchlich:

Der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Syndrom; auffälligstes Merkmal neben den Verhaltensabweichungen: aufgrund
des frühzeitigen Auftretens eine stark eingeschränkte Sprachentwicklung; motorische Beeinträchtigungen nur bei
weiteren Behinderungen; häufig geistig behindert. Je nach geistigem Leistungsvermögen wird der frühkindliche Autismus
weiter unterteilt in Low, Intermediate und High Functioning Autism (LFA, IFA und HFA). Als LFA wird im englischsprachigen
Bereich der mit geistiger Behinderung einhergehende frühkindliche Autismus bezeichnet, als HFA derjenige mit normalem
oder überdurchschnittlichem Intelligenzniveau. Die Unterscheidung zwischen HFA und dem nachfolgend aufgeführten
Asperger-Syndrom ist noch nicht geklärt, weshalb die Begriffe teilweise auch synonym gebraucht werden.
Der atypische Autismus erfüllt nicht alle Diagnosekriterien des frühkindlichen Autismus oder zeigt sich erst nach dem
dritten Lebensjahr. Als Unterform des frühkindlichen Autismus wird er aber differenzial-diagnostisch gegen das Asperger
-Syndrom abgegrenzt.
Das Asperger-Syndrom (veraltet auch autistische Psychopathie und schizoide Störung des Kindesalters) mit vor allem
einer vom Zeitpunkt her altersgerechten Sprachentwicklung (nach der ICD-10 und dem DSM-IV ein Kriterium zur Diagnose
wohingegen nach Gillberg & Gillberg eine verzögerte Sprachentwicklung ein mögliches Diagnosekriterium darstellt) und
einem unter formalen Gesichtspunkten korrekten Sprachgebrauch. Menschen mit Asperger-Syndrom sind häufig motorisch
ungeschickt. Zu dem Formenkreis der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen nach Einteilung des Diagnosemanuals
ICD-10 zählen neben der autistischen Störung (im engeren Sinne) auch das Rett-Syndrom und das Heller-Syndrom
(desintegrative Psychose des Kindesalters), die eine ähnliche Symptomatik aufweisen, sich aber im Verlauf von Autismus
unterscheiden. Beim Rett-Syndrom ist heute außerdem eine hierfür typische genetische Veränderung nachweisbar.

Formen von Subklinischem Autismus
Eine klinische Autismus-Spektrum-Diagnose wird von Ärzten oder Psychologen in der Regel unter der Voraussetzung
gestellt, dass eine Person in mehreren Lebensbereichen leidet. Eine Person kann durchaus autistisch sein, jedoch dank
ihrer Lebenssituation, Begabung und/oder Unterstützung durch Schule, Ausbildung, Arbeitgeber, Freunde, Partner oder
andere Formen von Unterstützung ausreichend gut zurechtkommen, um keine klinische Diagnose zu bekommen. In
diesem Fall bekommt solch eine Person möglicherweise eine Diagnose, wenn es nach einem eventuellen Wegfall von
Hilfen zu Auffälligkeiten kommt, so dass Ärzte und Therapeuten eine klinische Diagnose rechtfertigen können.
Die Frage, ob es sich bei Autismus oder bei Autismus-Spektrum-Störungen um eine Kategorie oder um eine Dimension
handelt, ist ungeklärt. Es existiert Literatur über subklinische Formen von Autismus, etwa ein Kapitel "Autistische Echos"
in dem Buch "Das Schattensyndrom: Neurobiologie und leichte Formen psychischer Störungen". In der Forschung wird
das Konzept eines 'Broad Autism Phenotypes' untersucht, wie etwa autistische Züge von Eltern autistischer Kinder.
Einige andere offizielle (ICD-10/DSM-IV) und inoffizielle (nicht im ICD-10/DSM-IV) Diagnosen werden im Zusammenhang
mit Autismus untersucht, wie etwa Hyperlexia, nonverbale Lernstörung, Dyspraxie, sensorische Integrationsstörung
oder sprachlich-pragmatische Störung. Die Frage, inwieweit diese als eine eigenständige Diagnose oder eher als Teil
eines erweiterten Autismus-Spektrums gesehen werden können, ist ungeklärt.
Neben kategorisierenden Unterteilungen des Autismus in verschiedene, deutlich von einander abzugrenzende Arten
gibt es das autistische Spektrum bzw. die Autismusspektrumstörung (ASS). Dies ist ein Konzept eines fließenden
Überganges zwischen den verschiedenen Formen, eine insbesondere im englischsprachigen Raum zunehmende Sicht
eines solchen Kontinuums verschiedener Ausprägungen. Vertreten etwa von Tony Attwood, der seine Auffassung mit der
Möglichkeit von Übergängen in Einzelfällen begründet. Es gibt beispielsweise Autisten, auf die die Diagnosekriterien des
Asperger-Syndroms zutreffen, deren Auffälligkeiten in früher Kindheit jedoch der Diagnose des Kanner-Syndroms
entsprachen. Zudem ist zweifelhaft, inwieweit eine auf theoretischen Intelligenzmodellen basierende IQ-Messung oder
eine willkürlich festgelegte Altersgrenze für die Sprachentwicklung zur Unterscheidung dienen.
Leekam et al. haben eine Studie veröffentlicht, nach der ein signifikanter Teil von nach ICD-10 mit frühkindlichem
Autismus oder atypischem Autismus diagnostizierten Personen nach Gillbergs Diagnosekriterien mit Asperger
diagnostiziert würden.

Einteilung nach ICD-10 und DSM-IV
Autismus wird in der ICD-10, dem Klassifikationssystem für Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, als
tiefgreifende Entwicklungsstörung mit dem Schlüssel F84 aufgeführt und wie folgt unterteilt:

F84.0: Autismus; auch bezeichnet als: Frühkindlicher Autismus, Infantile Psychose, Infantiler Autismus, Kanner-Syndrom,
Psychose im Kindesalter
F84.1: atypischer Autismus; auch bezeichnet als: Atypische Psychose im Kindesalter
F84.10: Autismus mit atypischem Erkrankungsalter
F84.11: Autismus mit atypischer Symptomatik
F84.12: Autismus mit atypischem Erkrankungsalter und atypischer Symptomatik
F84.5: Asperger-Syndrom; auch bezeichnet als: Autistische Psychopathie, Schizoide Störung des Kindesalters
Manche der oben genannten alternativen Bezeichnungen sind zwar veraltet, jedoch noch heute in der ICD-10 zu finden.

Das DSM-IV, die US-amerikanische Klassifikation psychischer Störungen, führt Autismus als tiefgreifende
Entwicklungsstörung unter dem Schlüssel 299 auf. Dabei werden zwei Kategorien unterschieden:

299.00: Autistische Störung
299.80: Asperger-Syndrom
Atypischer Autismus kommt im DSM-IV als Diagnose nicht vor.

Frühkindlicher Autismus
Hauptartikel: Frühkindlicher Autismus

 Diagnosekriterien  [Bearbeiten]
Im DSM-IV wird der frühkindliche Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet und durch folgende
diagnostische Kriterien beschrieben:

A. Es müssen insgesamt aus 1., 2. und 3. mindestens sechs Kriterien zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus 1.
und je ein Punkt aus 2. und 3. stammen müssen:

qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mindestens zwei der folgenden Bereiche:
ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch einer Vielzahl nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt,
Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen,
Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen,
Mangel an spontanen Bestrebungen, Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z. B. durch einen Mangel,
Objekte des Interesses herzuzeigen, herzubringen oder darauf hinzuweisen),
Mangel an sozialer oder emotionaler Gegenseitigkeit;
qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:
verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung gesprochener Sprache (ohne den Versuch, die
Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsformen wie Gestik oder Mimik zu kompensieren),
bei Personen mit ausreichendem Sprachvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen
oder fortzuführen, stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache oder idiosynkratische Sprache,
Fehlen entwicklungsgemäßer variierter, spontaner Rollenspiele oder sozialer Imitationsspiele;
beschränkte repetitive und stereotype Verhaltens-, Interessens- und Aktivitätsmuster in mindestens einem der
folgenden Bereiche: umfassende eingehende Beschäftigung innerhalb eines oder mehrerer stereotyper und begrenzter
Interessenmuster, wobei entweder Schwerpunkt oder Intensität der Beschäftigung abnorm sind,
auffällig unflexibles Festhalten an bestimmten nichtfunktionalen Gewohnheiten oder Ritualen,
stereotype und repetitive motorische Manierismen (z. B. Verdrehen, Verbiegen der oder Flattern mit den Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers),
beharrliche eingehende Beschäftigung mit Teilen von Objekten.
B. Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche mit Beginn vor dem dritten Lebensjahr:

soziale Interaktion,
Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
symbolisches oder Fantasiespiel.
C. Die Störung kann nicht besser durch das Rett- oder Heller-Syndrom erklärt werden.

Darüber hinaus nennt ICD-10 noch unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlafstörungen, Essstörungen,
Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten (Automutilation).

Soziale Interaktion
Eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion zeigt sich manchmal schon in den ersten Lebensmonaten
durch fehlende Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter. Viele Kinder mit frühkindlichem Autismus
strecken der Mutter nicht die Arme entgegen, um hochgehoben zu werden. Sie lächeln nicht zurück, wenn sie angelächelt
 werden, und nehmen zu den Eltern keinen angemessenen Blickkontakt auf. Nichtsdestoweniger sind autistische Kinder
genauso stark emotional mit ihrer Mutter verbunden wie nicht-autistische Kinder und haben genauso viel Mitgefühl wie
nicht-autistische Kinder.[9][10][11] Dem gegenüber steht eine starke Objektbezogenheit, die häufig auf eine bestimmte
Art von Gegenständen beschränkt ist. Ihre Aufmerksamkeit ist auf wenige Dinge, wie Wasserhähne, Türklinken, Fugen
zwischen Steinplatten oder kariertes Papier gerichtet, die sie wie magisch anziehen, so dass alles andere an ihnen
vorbeigeht. Oft finden sie in Gegenständen einen für andere fremden Zweck, sortieren beispielsweise die Einzelteile
einer Spielzeugeisenbahn nach Größe und Farbe, oder ihr einziges Interesse an einem Spielzeugauto ist es, die Räder
unablässig zu drehen.

 

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